Lourd und Matz sind nicht wie Hund und Katz

null

Bevor der 46-Jährige Slavcho Slavov in Zollikofen sesshaft wurde, zog der gebürtige Bulgare als Strassenkünstler durch halb Europa.

null
Slavcho Slavov mit seinen Gefährten in der Berner Marktgasse. Bild: Franziska Rothenbühler


Wenn die drei nebeneinander in den Lauben sitzen, ziehen sie die Blicke auf sich: Der 46-jährige Slavcho Slavov, sein Hund Lourd und Matz. Der stattliche weisse Moudi ist der heimliche Star des Trios. Die Jöös und Ohs gelten meist ihm, immer wieder wollen ihn Kinder streicheln. Er lässt es geschehen und schmiegt sich an den Gefährten mit dem honigfarbenen Fell. Wenn ihn der Hafer sticht, streckt er Lourd die Pfote ins sanfte Hundegesicht. Der wehrt sich so zart, dass kein Zweifel aufkommen kann: Er wird Matz kein Haar krümmen.

Seit fünf Jahren ist Slavov mit seinen Tieren regelmässig in der Berner Innenstadt anzutreffen. Damals hat er in Zollikofen eine kleine Wohnung gefunden und verdient seither in den Lauben seinen Unterhalt. Hund, Katze und Slavovs fehlender linker Unterarm lassen die Passanten ins Portemonnaie greifen. Daneben malt er auf Bestellung Bilder und macht Gelegenheitsarbeiten. Der Leierkasten, selbst gebaut und bemalt, bleibt stumm. Die Polizei hatte kein Musikgehör für den integrierten Musik-Player. Verstärker sind in Berns Gassen nicht erlaubt. Slavov weiss von unzähligen Städten, was dort erlaubt ist und was nicht, denn seine Odyssee als Strassenkünstler hat ihn durch halb Europa geführt.

Am Anfang stand eine Prise Abenteuerlust, vor allem aber auch wirtschaftliche Not. In Bulgarien war und ist die Arbeitslosigkeit hoch und Slavovs Voraussetzungen ungünstig. Er hatte nach der Schule keinen Beruf erlernt, sondern jobbte als Maler. Mit 27 Jahren verlor er bei einem Autounfall seinen linken Unterarm. Er war damals zweifacher Vater und Witwer. Seine Frau Wanja war jung an Krebs gestorben. Als ihm ein Freund erzählte, in Venedig gebe es Arbeit, zögerte Slavov nicht. Er liess die Kinder in der Obhut seiner Mutter und setzte sich in einen Bus nach Italien. Ohne Sprachkenntnisse und als Einarmiger hatte er aber keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Dafür auf der Strasse. Er merkte, dass sich mit Handicap und Malerei Geld verdienen liess. Er fertigte eine Schablone mit dem berühmten Che-Guevara-Bild an und malte den Revolutionär mit Kohle und roter Farbe auf den Asphalt. Seine Karriere als fahrender Strassenkünstler begann.

Fünf Jahre lang war er allein unterwegs, bis er im Frühling 2010 im französischen Wallfahrtsort Lourdes einen Freund besuchte. Der war in Nöten. Seine Hündin war von einem Auto angefahren worden und konnte ihre Welpen nicht mehr säugen. Er fütterte sie mit dem Schoppen, so gut es ging. Auf Bitte des überforderten Ersatzernährers nahm sich Slavov eines der Kleinen an und nannte es Lourd. Im Sommer zog er in ein leer stehendes Haus in einem Städtchen bei Nizza. In den Überresten eines abgerissenen Nachbarhauses hörte er eines Tages jämmerliches Miauen: Matz. Slavov gelang es, den Kater zu befreien und pflegte ihn gesund. Lourd verstand sich auf Anhieb mit dem neuen Familienmitglied. Von da an waren sie als Trio auf Achse, in Frankreich, Spanien, Luxemburg, Deutschland, Dänemark, Schweden, Finnland. Dass eine Katze – normalerweise ortstreu – mit ihrem Menschen ohne Murren in Busse und Züge steigt, erstaunt. «Ich bin sein Zuhause geworden», sagt Slavov. Heute beschränken sich die Expeditionen auf die Fahrten von Unterzollikofen nach Bern. Häufig ist es Matz, der entscheidet, wann es Zeit ist, arbeiten zu gehen. Wenn er sich vor die Haustüre setzt, ist dies für seine Gefährten das Zeichen zum Aufbruch.

In den letzten Monaten widmete sich Slavov mit viel Elan einem anderen Projekt: Er schrieb ein Buch. Thema: Seine Abenteuer mit Matz und Lourd. Die Rohfassung ist fertig, jetzt muss nur noch ein Verlag anbeissen. Inspiriert hat ihn der Londoner Strassenmusiker James Bowen. Dessen Buch über eine zugelaufene Katze wurde ein internationaler Bestseller. Ob Slavovs Story auch das Zeug dazu hat, muss sich erst noch weisen. Das Schreiben hat ihm Spass gemacht, und er hätte noch Stoff und Ideen für weitere Bücher. Vorläufig geht es aber noch nicht ohne Einkünfte von der Strasse. Wenn Matz ruft, schnallt Slavov seine Siebensachen auf die Transportkarre. Dann neigt er seine linke Schulter, Matz springt auf und zusammen machen sich die drei auf den Weg zur Arbeit.



die Veröffentlichung


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *